Auf der Suche nach Visionen aus anderen Wirklichkeiten
Gedanken über Trance bei Schamanen und Djs
Die Idee zu diesem Beitrag wuchs in
einem Seminar von Max
Peter Baumann über Schamanismus
in der ethnomusikologischen Abteilung der Universität Bamberg. Beim
Anhören verschiedener Musikbeispiele und verschiedener Aspekte aus
der Schamanismusforschung kamen im Vergleich mit eigenen aktuellen Studien
zur Techno- und Trance-Szene immer wieder Gemeinsamkeiten an die Oberfläche,
für die im nachfolgenden Artikel Gründe aufgezeigt werden. Ein
zweiter Aspekt liegt im Versuch, musikkulturelle Anschlussmöglichkeiten
Jugendlicher in Beziehung zu einem Teilgebiet der Ethnomusikologie zu bringen.
'Vom höher gelegenen Teil des
Berges herab wurde es allmählich hell, und ich hörte sanfte Trommelschläge,
sehr sanft. ... Und von jenem Berg herab kamen langsamen, leisen und
sanften Schrittes die alten Frauen, die Geister jenes Landes, jenes Berges,
alte grauhaarige Frauen, indianische Frauen, sie tanzten herab. ... Auf
gewundenem Pfad kamen sie den Berg hinab und umkreisten den Hügel,
auf dem ich lag. Und wie sie im Kreis tanzten, sehr schnell, bildete sich
in jenem Kreis ein weiterer Kreis, ein Kreis junger Frauen meines Alters,
meiner Zeit, junge Frauen, die ich kannte, und auch sie tanzten. Diese beiden
Kreise tanzten und kreisten, und sie begannen, sich ineinander zu verweben
und wieder auseinander, wiegend ineinander überzugehen und wieder auseinander.
Und dann bildete sich in diesem Kreis noch ein weiterer Kreis von sieben
alten Großmüttern, weißhaarigen Frauen, Frauen, die für
mich bedeutsam waren, kraftvollen alten Frauen' (118/119)1 .
Diese Vision von Brooke Medicine Eagle,
einer indianischen Schamanin,
gibt die Kulturanthropologin Joan Halifax in ihrem Buch 'Die andere Wirklichkeit
der Schamanen' wieder. 'Tochter des Regenbogens', 'Die in Trance geht, die
Geister zu suchen', 'Frau, die alles weiß' - oder wie die dort beschriebenen
Visionärinnen aus verschiedenen Kulturen heißen mögen -
ihnen ist vieles gemeinsam: Sie haben sich mit ihrer schamanistischen Initiation
eine Möglichkeit erschlossen, das Feld des standardisierten Wachbewusstseins
zu verlassen und eine Reise in eine als anders, jenseitig erlebte und scheinbar
von unbekannten Maßstäben beherrschte Welt zu unternehmen.
Der Vorgang der Initiation besteht
stets aus einem Rückzug aus der alltäglichen Wirklichkeit, der
in der Schamanenforschung liminale oder marginale Phase genannt wird.
Um die erste Vision zu suchen, begeben sich die KandidatInnen oft im Pubertätsalter
in eine einsame Gegend, eine Höhle, einen extra errichteten Iglu, die
Meditationsgrube auf einem Berggipfel, an oft schon seit Generationen diesem
Zweck vorbehaltene Orte. Das Ringen um die Einstiegsvision hat, kulturübergreifend
vergleichbar, besondere Techniken eines perkussiven 'Loopings'2
und musikbezogene Gerätschaften hervorgebracht, die trancefördernd
wirksam werden. Überliefert sind das rhythmische Steinereiben, welches
direkt in die Halluzination führt, oder verschiedene repetitive Bewegungsformen,
die dann alltagsenthoben 'Sonnentanz' oder 'Geistertanz' genannt werden
und oft, wie obiges Beispiel zeigt, bereits als von visionär erlebten
Wesen angeregt wahrgenommen werden. Eine bedeutende Rolle spielen
zwei Instrumente, deren Symbolgehalt im schamanistischen Kontext weit über
ihre profane Funktionalität als Schallerzeuger hinausgeht: Die Kürbisrassel
und die Schamanentrommel. In der Mythologie der Warrau in Venezuela
gibt es die Vorstellung, ein Schamanenahne sei an einem heiligen Ort in
der Kunst unterwiesen worden, durch die heilige Feuerrassel Hebumataro Kommunikationskanäle
zum Übernatürlichen anlegen zu können. 'Das Anfertigen der
Rassel ist ein zutiefst heiliger Vorgang. Nachdem der Schamane die geeignete
Frucht sorgfältig gewählt und bereitet hat, werden vier Schlitzmäuler
in den Leib des Kürbis geschnitten ... Dann werden kleine Quarzkristalle,
von denen jedes einen Ahnengeist darstellt, geweiht und eins nach dem anderen
in den Bauch des Kürbis gesteckt. Der Schamane bezeichnet diese winzigen
Kristalle als seine Familie ... seine Geistfamilie im Kopf der Rassel ...
und sie' ... wird zum Instrument von Gleichgewicht, Wandel und Flug"(41)1.
In sibirischen Kulturen und denen
des tibetischen Hochlands ist die Trommel
das Instrument für die visionären Reisen von Schamanen. Michael
Oppitz erzählt von der magischen Trommel re bei den Magar im nepalesischen
Himalaya: 'Die Periode vor der Initiation ist für den angehenden
Schamanen gekennzeichnet durch psychische Störungen und Traumvisionen.
In einer von diesen sieht er den Baum, aus dem seine künftige Trommel
geschnitten werden soll ... An einem geeigneten Vollmondtag nach der Vision
zieht eine kleine Expedition, bestehend aus dem Initianden, zwei Schamanen
und sieben Gehilfen, ins Gebirge, um dort den Trommelbaum ausfindig zu machen'(91)3.
Nach drei weiteren Visionen wird dann der Baum ausgewählt, von den
Helfern gefällt und zwischen den Beinen abtransportiert, was auf die
spätere Funktion der Trommel als Mittel der Fortbewegung gleich einem
Reittier hindeutet. Nun folgt eine Phase sorgfältig beachteter Riten
zur Herstellung des Trommelrahmens, z. B. das Eingraben in ein Erdloch als
erste Unterweltreise der zukünftigen Trommel. Während der Prozedur
müssen viele Gefahrenquellen überwunden werden, z. B. das Brechen
der Rahmenlatte beim Biegen oder das Zerspringen während der Überblattung
der Lattenenden. Beim Gelingen werden Götteropfer gebracht und bestimmte
Ritualverse zitiert. Die Trommel wird wie ein Lebewesen behandelt, welches
den Besitzer und Schöpfer bei seinem Wirken als Visionär und Heiler
unterstützt und begleitet.
Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll die konstruierte Struktur von Kultursystemen. Aneignung, Deutung und Produktion kultureller Medien, Techniken und Ausdrucksformen sind zunächst systemimmanent 'be-deutend' und können von der Warte eines anderen Systems erst einmal nur als fremd und weit entfernt wahrgenommen werden. Worin besteht dann die Möglichkeit eines 'Näher-rückens', einer 'An-eignung', eines transkulturellen Anschlusses? Wenn Schamanismus, wie Uchtmann behauptet, 'ein die Zeiten, Räume und Kulturen transzendierendes Phänomen ist, welches von einer ... allgemeinmenschlich-kognitiven Kompetenz ausgeht, die sich in visionärer Schau, Kritik und Entregelung Bahn bricht'(151)4, dann mag es gestattet sein, zumindest als Gedankenentwurf, schamanistisch zu interpretierende Tendenzen auch in den hierarchisch verschachtelten Kultursystemen unserer partikularisierten postmodern-westlichen Gesellschaft aufzuspüren und ihre Vergleichbarkeit zu hinterfragen.
Hinter dem 'dialektischen Modus',
den Uchtmann dem schamanistischen Sein zuschreibt, steckt knapp formuliert
die Idee der menschheitsgeschichtlichen Ontogenese und funktionalen Trennung
der Gehirnhemisphären, die einen Vorgang der 'Bewusstseinsspaltung'
auslöste, die den Punkt markiert, an dem der Mensch sich aus dem Kosmos
der Natur herauslöst, an dem seine Bewusstwerdung in einem mythischen
Bereich stattfindet und von dem an er zu Kritik und Synthese fähig
ist. Der Mensch muss sich 'zu Beginn der Hominisation von der homöostatischen
Ordnung der Natur, die sein Gedeih und Verderben regulierte, abgesetzt haben.
Diese Normalität und Routine des Fressens und Gefressenwerdens im Einklang
mit dem natürlichen Kosmos als selbstreferentielles und zyklisches
System kann nur durchbrochen worden sein durch ein Eintauchen in das kreative
Chaos des entstehenden Bewusstseins'(154)4. Uchtmann interpretiert
den Schamanen nun als jemanden, der die 'Zwillingspersönlichkeiten',
jeweils repräsentativ für die unterschiedliche Spezialisierung
beider Gehirnhälften, in einen kreativ-produktiven Dialog bringen kann.
Dabei liegt die kognitive Kompetenz der rechten Hemisphäre in der Wahrnehmung
und Orientierungsfähigkeit in unbekannten Bereichen, während die
der linken Zwillingshemisphäre die sozial-encodierte Abbildhaftigkeit
der Welt repräsentiert. Der Schamane ist "... Mittler zwischen einem
nokturnalen und nichtsprachlichen, mythischen Kontinuum und einem diurnalen,
sprachlichen ritualisierten Bereich"(169)4. Dabei ist es unerheblich,
in welchem kulturellen Zusammenhang sich der Vorgang der Visionsschau abspielt,
wichtig ist nur die Fähigkeit des Betreffenden, seine Vision in einem
kulturell verständlichen Zeichensystem allgemein zugänglich zu
machen. Insofern zieht Uchtmann das Beispiel Einsteins heran, der seine
Relativitätstheorie visionär "geschaut" hatte, bevor er sie in
ein der westlichen Wissenschaftskultur adäquates Zeichensystem brachte.
Die einen Schamanen treibende Dynamik
wird als Urkraft gesehen, die aufgrund ihrer Unberechenbarkeit eine Entfernung
von der strukturiert-systematisierten Gesellschaft ermöglicht und damit
eine kritisch-distanzierte Position einnehmen, visionär und hellsichtig
sein kann. Diese Kritikfähigkeit sei zur treibenden Kraft der menschlichen
Kulturgeschichte geworden, da es die schamanische 'Kunst' ermögliche,
den Sinn von Regeln zu erfragen und diese zu verändern, 'Fluchtversuche
aus der Tyrannei geistiger Gewohnheiten und erstarrter Routinemäßigkeiten'
zu betreiben.
Diese weitgefasste Interpretation
schamanistischer Funktionen und Aufgaben ermöglicht eine Übertragung
der Idee auf lebensweltlich nahe liegende kulturelle Systeme, wie z. B.
die Rave-Kultur, und eine Untersuchung der hier wahrnehmbaren Erscheinungsformen.
Dabei geht es nicht um eine simple Übertragung, sondern um eine Überprüfung
der Vergleichbarkeit kultureller Techniken im Hinblick auf ihre Funktionalität
für den Menschen. Den Ausführungen zugrunde liegt eine konstruktivistische,
kulturrelativierende Auffassung von Dominanz- und Subkultur als selbstreferentielles,
rekursives System5. Wie oben bereits angeklungen, übernimmt
ein Schamane in seinem Kultursystem eine bestimmte Funktion: Er bricht die
phasenweise Geschlossenheit des Sytems auf und stellt sich als Kontaktperson
mit 'fremden Welten' und anderen Wirklichkeiten zur Verfügung, mögen
diese nun innerhalb oder außerhalb des Kollektivs oder des darin existierenden
Individuums liegend wahrgenommen werden.
Die Frage nach einer 'realen' oder
'fiktiven' Wirklichkeit, die sich für den schamanisierenden Menschen
kompensierend für das Kollektiv als unerheblich herausstellt, führt
direkt zur Idee der Interpretation unserer medial-technisierten Lebenswelt
als 'Hyperrealität' '... in
der die Spannung zwischen Realem und Imaginärem zugunsten einer Virtualität
aufgelöst ist'(215)6 . Gabriele Klein verweist in ihrer
Analyse der Techno-Kultur auf Baudrillard, der bereits zu Beginn der 80er
Jahre von einer ästhetischen Halluzination der Realität gesprochen
habe, die eine virtuelle Simulationswelt darstelle, eine mediale Bilderflut,
der die Menschen nicht nur gegenüber stünden, sondern in der sie
bereits leben würden.
Klein sieht nun in der Rave-Kultur
eine Ausformung, die Hyperrealität konstruiert und für den Einzelnen
zugänglich macht. Insofern dazu menschliche Mittler nötig sind,
fällt besonders den Djs in den Clubs die 'schamanisierende' Rolle zu,
den Ravern auf der Basis eines Gruppenrituals und einfühlsamer Auswahl
musikbezogener Parameter in Form repetitiver Pattern die körperbezogen
ästhetischen Bedingungen zu schaffen, die Ekstase, Trance und alltagsenthobene
Visionen ermöglichen können. 'Dynamische Akzente zu setzen, nahtlose
Übergänge zu schaffen und letztendlich die musikalische Dramaturgie
für einen Tanzabend zu entwickeln - all dies erfordert eine gewisse
Professionalität, aber auch ein gutes Maß an Empathie mit den
Tanzenden". "Als Dj hast du ja die Party in der Hand. Es ist unheimlich
befriedigend, wenn du siehst, da tanzen die Leute auf deine Musik und freuen
sich. Du machst ja denen den Abend. Die erleben Glücksgefühle,
weil du was für die machst. Es ist ja auch eine gewisse Macht, die
du über sie hast', zitiert Klein einen weiblichen Dj (178/79).
Es sieht so aus, als wenn die
Rave-Kultur ästhetisch-funktional konstruiert wurde, um das zu
befriedigen, was Felicitas
Goodman den natürlichen Drang des Menschen zur Ekstase nennt, der
ihrer Meinung nach besonders im Pubertätsalter Befriedigung verlangt.
Die Kulturanthropologin geht sogar von einer angeborenen Fähigkeit
des Menschen aus, eine körperliche Umstellung in den Zustand der Vision
zu vollziehen, sieht im Entzug der Möglichkeit zu veränderten
Wachbewusstseinszuständen die Ursache vieler psychosomatischer Erkrankungen
und hält gerade das kollektive Tranceerlebnis für ein elementares
psychisch-regulierendes Korrektiv7. Zusammen mit anderen Forschern
stellte sie in Laboruntersuchungen mit Versuchspersonen fest, dass sich
im Zustand beginnender Trance das Gehirnwellenmuster zu so genannten Theta-Wellen
hin verändert und im Körper Beta-Endorphine ausgestreut werden,
die Wohlbefinden und Glücksgefühle hervorrufen und noch einige
Zeit nach dem Trance-Zustand wirksam sind. Eine weitere Entdeckung Goodmans
sind trancefördernde
Körperhaltungen (s. u. Ritual), die ikonographisch bereits in sehr
frühen Kulturen belegt sind und deren Anwendung sie zusammen mit ihren
Studenten für heutige Verhältnisse testete und kultivierte. Ihre
Erfahrungen damit im Umgang mit 'normalen', aber auch verhaltensauffälligen
oder strafgefangenen Jugendlichen dokumentiert sie in verschiedenen Publikationen.
Auf der Grundlage dieser Informationen kann man die Rave-Kultur als ein
beharrliches Bestehen eines jugendlichen Kollektivs auf dem Erlebnis von
menschenmöglichen Bewusstseinszuständen aller Art deuten, als
Protest gegen den Entzug von Wirklichkeiten, deren Erleben keine grundsätzlichen,
sondern nur kulturell konstruierte Hindernisse entgegenstehen, als selbstbewusste
Inanspruchnahme von kulturellen Techniken für das eigene Identitätssampling
und als Zugehörigkeitsbekenntnis zu den Konstrukteuren dieses Kultursystems,
dessen Kontinuität prozesshaft aufrechterhalten wird durch die Aneignung,
Deutung und Alltagsintegration seiner kulturellen Ausdrucksformen durch
seine Anhänger.
Didaktische und methodische Überlegungen
Didaktische Anschlüsse liegen einerseits im dauerhaft notwendigen Fortgang eines Diskurses über jugendkulturelle Ausdruckformen. Gerade in den letzten Monaten gab es Neuerscheinungen umfangreicher Analysen und Stellungsnahmen in Bezug auf verschiedene subkulturelle Systeme einer Generation von (meist weiblichen) WissenschaftlerInnen, deren Ausführungen man anmerkt, dass ihre eigenen transkulturellen Anschlüsse es nicht mehr zulassen, sich im engen Rahmen überkommener wissenschaftlicher und alltäglich-vorurteilsbeladener Wertungskategorien und daraus abgeleiteter Didaktik zu bewegen und die sich 'schamanisierend' an ein Aufbrechen von Stereotypen machen, nach neuen Deutungsmöglichkeiten und Verständniszusammenhängen suchen8. Wie eigene Umfragen zeigen, wird auch von Schülerseite der sich in Schulbüchern und Lehrplänen mit wenigen Ausnahmen präsentierende Umgang mit aktuellen Sub- oder Dominanzkultursystemen als wenig befriedigend empfunden. Es scheint von der Praxis aus gesehen dringend geboten, neue Modelle und Formen des Umgangs mit Teilen der Ausdrucksformen von Jugendsubkulturen zu entwickeln und diese den Fachlehrkräften multimedial verfügbar zu machen.
Hier soll ein Stück des Frankfurter
Djs
Oliver Lieb9 vorgestellt werden, welches die assoziative
Grundlage für die oben ausgearbeiteten Überlegungen bot. Sucht
man nach pragmatischen Möglichkeiten praktischen Umgangs mit der Rave-/Trance-Kultur,
'springt' einen dieses Musikstück akustisch förmlich an. Man wird
spontan in einen schamanistisch wirkenden ostinat-repetitiven Sog hineingezogen,
von dem man sich gut Trance fördernde Wirkung vorstellen kann. Der
musikalische Aufbau besteht aus einer sukzessiven Reihung verschiedener
Rhythmen, die durch klangfarbliche Abstufung deutlich abzugrenzen sind.
Nach der Stabilisierung des Rhythmusgefüges ertönt eine archaisch
anmutende Synthie-Melodie, die an das Filmmusik-Thema des Science-Fiction-Klassikers
'Unheimliche
Begegnung der Dritten Art' erinnert.
Methodisch könnte das Stück
in vielfältiger Weise Einsatz finden. Denkbar ist ein höranalytischer
Ansatz ebenso wie eine praktische Umsetzung der Rhythmen mit klangfarblich
adäquaten analogen Perkussionsinstrumenten oder bei entsprechender
Ausstattung mit digitalen Möglichkeiten (Keyboards oder Arbeit mit
Sequenzer und Computer). Denkbar ist auch im Sinne von Felicitas Goodman
die Entwicklung eines kleinen Rituals, welches die Körperhaltungen
der Anthropologin einbezieht und auf Imaginationstechniken, wie Brain-Gym,
Phantasiereisen und Ideation, zurückgreift, um schließlich die
musikbezogene Ebene in Form dieses Musikstücks einzubeziehen. Es kann
durchaus mehr Sinn machen, dieses Ritual von den Schülern selbst entwickeln
zu lassen oder zumindest die Schüler in die Gestaltung mit einzubeziehen,
um fehlende Anschlussmöglichkeiten zu berücksichtigen und dadurch
angstbeladene Abwehrreaktionen zu verhindern.
Vorschlag für ein kleines Ritual
[nach F. Goodman (25)7]:
Vorbereitungen: Jeder Teilnehmer benötigt
einen Stein (falls möglich bemalt, so dass die "Magie" des Steins zur
Wirkung kommt), einen etwa 20 Zentimeter langen Stab und eine Feder. Außerdem
muss die Lehrperson Perkussionsinstrumente buntes Garn, Knete, Karteikarten
und Stifte, eine Kerze und vier Schälchen Wasser bereitstellen. Das
Ritual dauert ca. ein bis zwei Stunden und die Gruppe sollte aus etwa
15 Teilnehmern bestehen (größere Klassen teilen und zwei Gruppen
machen!). Im Klassenraum braucht man so viel Platz, dass man in der Mitte
einen Kreis bilden kann (Möbel an den Rand schieben!); schön ist
es auch, im Freien zu sitzen.
1. Die mitgebrachten Steine
werden so ausgelegt, dass damit ein Kreis abgesteckt wird. Das Kreisinnere
wird zum geschützten Raum erklärt.
2. Für jeden Teilnehmer
wird nun ein Häufchen zurechtgelegt aus Stab, Feder, einem armlangen
Stück Garn, einem kleinen Knetgummiball.
3. Die Kerze wird in die Kreismitte
gestellt und die vier Wasserschälchen werden in den vier Himmelsrichtungen
aufgestellt. Außerdem liegen fünf Perkussionsinstrumente, passend
zu den Rhythmen dort.
4. Jeder Schüler wählt
sich nun einen eigenen Platz innerhalb des Kreises und setzt sich zu seinem
Material auf den Fußboden.
5. Die Feder wird mit dem Garn
an den Stab gebunden und mit diesem Zauberstab wünscht man sich etwas
nicht Materielles, Positives herbei.
6. Mit dem Knetgummi wird eine
kleine Figur zurechtgeformt, die einen 'Freund', einen Begleiter auf der
Phantasiereise darstellt (während des Knetens kann eine Schamanengeschichte
oder eine Fantasiereise erzählt werden).
7. Nun nimmt man die Trancehaltung
für eine 'Reise in die Unterwelt' ein. Bei dieser bei verschiedenen
Eskimo-Völkern verbreiteten visionsfördernden Haltung liegt man
mit ausgestreckten Armen auf dem Bauch, wobei die rechte Hand etwas weiter
nach vorne gestreckt ist als die linke. Die Füße sind gekreuzt
und zwar so, dass der rechte Fuß über dem linken liegt. Das Gesicht
ist nach rechts gedreht. Eine andere Möglichkeit wäre die 'Bärenhaltung',
die ikonographisch auf der ganzen Welt seit Jahrtausenden überliefert
ist. Man kniet auf seinem Platz und setzt sich mit dem Gesäß
auf die Füße. Den Kopf legt man vorsichtig so weit wie möglich
in den Nacken zurück und ballt die Hände leicht zu einer Faust.
Man führt nun die Hände bequem in der Magengegend zusammen und
lässt die ersten Knöchel der Zeigefinder aneinander stoßen.
Alles muss locker bleiben ganz ohne Verkrampfung.
8. Man hört nun in dieser
Haltung das Stück 'Fragile' von Oliver Lieb/L.S.G. ca. drei Minuten
an und lässt seine Gedanken und Fantasien auf eine Visions-Reise gehen.
9. Jeder schreibt auf eine Karte,
was er auf dieser Reise erlebt hat (vielleicht werden manche Erlebnisse
als Visionen empfunden!).
10. Die Erlebnisse werden auf
freiwilliger Basis ausgetauscht.
11. Das Stück wird noch
einmal gehört und jeder Schüler sucht sich einen Lieblingsrhythmus
heraus.
12. Auf freiwilliger Basis ergreifen
fünf Schüler die Instrumente aus der Mitte und spielen "ihren"
Rhythmus zu dem Stück dazu. Die anderen Schüler spielen ihren
Rhythmus mit Body-Percussion dazu. Die Instrumente können mehrmals
weitergegeben werden. (Voraussetzung: Die Schüler müssen mit der
Spieltechnik der Instrumente vertraut sein.) Das Ritual schließt mit
der Rückgabe der Instrumente an den inneren Kreis und dem Löschen
der Kerze.
1 Halifax, Joan: Die
andere Wirklichkeit der Schamanen. Freiburg 1999
2 Der Begriff Looping
stammt aus der Fachsprache des Computer-Sequenzings. Man bezeichnet hier
eine durch einen Mausklick anlegbare Bandschleife, das automatisierte
ostinate Wiederholen eines musikalischen Abschnitts, als Looping.
3 Oppitz, Michael: 'Die
magische Trommel Re' in: Kuper, Michael (Hg.): Hungrige Geister und
rastlose Seelen. Texte zur Schamanismusforschung. Berlin 1991, S.
77-107
4 Uchtmann, Roger: 'Schamanisches
Sein als dialektischer Modus' in: Kuper, Michael (Hg.): Hungrige Geister
und rastlose Seelen. Texte zur Schamanismusforschung. Berlin 1991,
S. 151-180
5 Der radikale Konstruktivismus,
den z. B. Glasersfeld (Rusch, Gebhard, Schmidt, Siegfried (Hg.): Konstruktivismus:
Geschichte und Anwendung. Frankfurt. 1992) systematisiert, geht davon
aus, dass die vom Menschen wahrgenommene Welt ein Konstrukt seines Erkenntnisapparates
ist, was durch die neuere Kognitionsforschung insofern bestätigt
wird, als die biologischen Voraussetzungen als ein operational geschlossenes
System beschrieben werden, das nicht eine äußere Welt abbildet,
sondern eine eigene Welt hervorbringt. Kultur ist also in diesem Sinne
ein Sinn- und Zeichensystem, welches der Mensch identitätsrelevant
inszeniert. Insofern ergibt sich von selbst eine kulturrelativierende
Sicht, da die Inszenierung von Kultur für jeden Menschen die gleiche
Funktionalität hat. Selbstreferentialität und Rekursivität
beziehen sich darauf, dass kulturelle Ausdrucksformen sich ständig
auf sich selbst bezogen reproduzieren müssen, um eine gewisse Stabilität
des Systems zu garantieren.
6 Klein, Gabriele: electronic
vibration. Pop Kultur Theorie. Frankfurt 1999
7 Goodman, Felicitas:
Trance Rituale für Jugendliche. Löhrbach ohne Jahr. Weitere
Bücher sind: Wo die Geister auf den Winden reiten. Freiburg
1995 und Trance - der uralte Weg zum religiösen Erleben. Gütersloher
V. H. 1996
8 Neben der Studie von
Gabriele Klein zur Techno-Kultur ist hier z. B. an Bettina Roccors Analyse
zu denken:
Heavy Metal - Kunst. Kommerz.
Ketzerei. I. P. 1998
9 Informationen über
diesen Dj der aktuellen Rave-Szene erhält man im Internet;
er ist 1969 geboren und hat unter vielen Pseudonymen Stücke herausgebracht,
ca. 100 Tracks auf etwa 80 Tonträgern. Er besitzt ein eigenes gut
ausgerüstetes Studio in Frankfurt/Main und experimentiert innerhalb
eines breiten stilistischen Sound-Spektrums. Im Internet sind einige Interviews
mit ihm veröffentlicht. Das hier zugrunde gelegte Stück 'Fragile
Part 2' stammt von der Doppel CD Cosmic Trance Compilation Chapter
2 des Labels Leguan 1997.
28th of Feb 2011 by Kuveni